Familie Avdijaj (Fortsetzung)

Eine erfolgreiche Geschichte als ein Auslöser des Aufrufs

Ein wesentlicher Auslöser für diesen Aufruf war das Beispiel des Unterstützerkreises der Familie Avdijaj in Gomaringen, einem Dorf mit 6.000 EinwohnerInnen in der Nähe von Tübingen. Die Familie lebte bereist viele Jahre hier, die Kinder beinahe ihr ganzes Leben. Sie gehören der kosovarischen Minderheit der Ashkali an und sind vor dem Bürgerkrieg und den andauernden Diskriminierungen nach Deutschland geflohen.
Als im Januar 2003 plötzlich die Abschiebung der Familie angekündigt wurde, griffen
LehrerInnen der Gomaringer Hauptschule ein und konnten die schnelle Abschiebung von Elvira, einer Schülerin der 8. Klasse, sowie ihren Eltern und ihren beiden jüngeren Geschwistern verhindern.
Mit MitschülerInnen und Eltern organisierten sie spontan Proteste, schrieben Petitionen und organisierten die Solidarität im gesamten Dorf.
Der massive öffentliche Protest verschaffte der Familie allerdings nur einen Aufschub, im Sommer musste sie ausreisen. Inzwischen hatte sich ein Unterstützerkreis gebildet, der mit der Familie die „freiwillige“ Ausreise vorbereitete. Über Spendenaktionen konnten 30.000 € gesammelt werden, so dass die Familie im Kosovo ein Haus bauen konnte.
Über die Jahre riss der Kontakt nicht ab. Jedes Jahr wurden die Kinder für einige Wochen eingeladen, um ihre FreundInnen in ihrer „Heimat“ zu besuchen. Bei dem jährlichen Kino-Open-Air der Gomaringer Initiative gegen Fremdenhass berichteten sie über die schwierige Lebenssituation im Kosovo. Als Minderheitenangehörige hatten die Eltern trotz guter Qualifikation keine Chance, eine Arbeit zu finden.
Ohne die monatlichen Überweisungen aus Gomaringen wäre die Familie im Elend versunken, die Kinder hätten keine Chance auf ein Leben in Würde und keinen Zugang zur Bildung gehabt.
Alle drei Kinder, die die Landessprache erst richtig lernen mussten, entwickelten einen starken Ehrgeiz, wohlwissend, dass dies die einzige Chance ist, in „ihr Land“ zurückzukehren.
Über einem hervorragenden Abitur erreichten die beiden älteren, Elvira und Edvin, den Hochschulzugang und machten im Sommer 2011 in Peja ihren Bachelor. Mit Unterstützung des Freundeskreises erhielten sie ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung und studieren seit dem Wintersemester in der Hochschule Albstadt-Sigmaringen ein BWL-Masterstudium.
Der jüngere Bruder, Elvir, wird in ein paar Jahren sicher seinen Geschwistern nachfolgen.

Happy End? Ja und nein. Warum musste die Familie abgeschoben werden? Warum wurden die Kinder aus ihrem Alltag gerissen und in ein Land gebracht, dass sie nicht kannten? Vor allem die ersten Jahre waren für die Eltern wie die Kinder sehr hart.
Sie hatten Glück und haben aus dem Glück etwas gemacht.
Hätten die LehrerInnen nicht so entschieden eingegriffen, hätten die Kinder nicht das Gefühl von Solidarität erlebt, hätten sie kaum die Kraft für den Neuanfang  und diesen Bildungsweg gehabt.
Hätte es nicht den Kontakt zu einer lokalen antirassistischen Initiative gegeben, die mit vielen anderen Organisationen (Kirche, Volkshochschule, Vereine…) über 9 Jahre die materielle Versorgung sicher gestellt hätte, der Schulbesuch wäre undenkbar gewesen.

Elvira und Edvin sind wieder hier. Der Skandal ist, dass sie solange weg waren.
Das Beispiel zeigt aber auch, dass PädagogInnen etwas erreichen können, auch wenn die Abschiebung nicht verhindert werden konnte.

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August 2003: Reflexion der Unterstützungsarbeit für Familie Avdijaj
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GEA 30.12.2011 (Reutlinger Generalanzeiger) „Solidarität als Erfolgsfaktor“
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Der SWR hat am 5.12.2011 einen Film über Familie Avdijaj ausgestrahlt.
Filmbeschreibung: „Seit zehn Jahren wohnte die Flüchtlingsfamilie Avdijaj schon in Deutschland, in Gomaringen. Die Eltern hatten Arbeit, die Kinder waren gut in der Schule. Im ganzen Dorf war die Familie sehr beliebt. Dann, 2003, kam der Schock: Die Familie sollte in den Kosovo abgeschoben werden.“
Den Film kann man noch auf Youtube anschauen (Teil 1) (Teil 2).
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Auch das Schwäbische Tagblatt (Tübingen) berichtet immer wieder über die Familie Avdijaj, zuletzt am 6.2.2012: „Eine Geschichte, die Schule machen sollte“
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28.2.2012 Schwäbische Zeitung (Sigmaringen)
Der lange Weg zurück in die Heimat. Edvin Avdijaj kam einst als Flüchtling und musste 2003 Deutschland verlassen. Nun ist er dorthin zurückgekehrt, wo er aufgewachsen ist.“